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Die Gründung

Der in Meiningen/Thüringen lebende Professor Richard Schneider hatte schon lange den stillen Herzenswunsch, eine eigene Anstalt zu gründen, um geistiges und leibliches Elend von Kindern zu mildern. Er hatte sich vor allem an dem „Rauhen Haus“ in Hamburg orientiert. Allerdings wurde dieser Wunsch lange aus finanziellen Gründen zurückgestellt, bis endlich der Ankauf eines Hauses in Meiningen möglich wurde. Unterstützung und begeisterte Zustimmung fand das Vorhaben nicht nur im Landtag und den Gemeinden, sondern auch bei Freunden, die namenhafte Beträge versprachen. So konnten mit Genehmigung des Staatsministeriums blad die ersten Kinder aufgenommen werden.

Vor allem das Trautberger Rettungshaus im bayrischen Unterfranken beteiligte sich am Gelingen des Werkes, indem es den Gehilfen Georg Strobel zur Unterstützung schickte. Dieser wurde in dem Meininger Haus als Hausvater ernannt. Nachdem die Unterrichtung der Kinder im eigenen Haus genehmigt wurde, übernahm Georg Strobel zusätzlich die Aufgaben als Schullehrer.

Da immer mehr Kinder um Hilfe und Mitleid baten, sah man sich gezwungen, nach etwas Größerem Ausschau zu halten. Die Möglichkeit ergab sich durch Kauf eines Anwesens in der Nähe von Hermannsfeld, nicht weit von Meiningen entfernt. Zuerst ein romantisches Lokal für den herzoglichen Hof, später in Privatbesitz, konnte das Grundstück für die Hälfte des ursprünglichen Preises, nämlich 2000 Gulden, gekauft werden. Neben dem geräumigen 2-Etagenhaus standen Nebengebäude, Stallungen und ein Garten zur Verfügung. Platz genug, um 40 bis 50 Kinder aufzunehmen.

Zum Ende des Jahres 1860 fand der Umzug in das von Professor Richard Schneider gegründete Rettungshaus statt und von nun an nannte es sich „Rettungshaus zum Fischhaus“. In der Folgezeit konnten verwahrloste und verwaiste Knaben im Alter von 6 bis 12 Jahren aufgenommen werden.

Dreimal am Tag erklang das Silberglöckchen, ein Geschenk des Herzogs, und kündigte Aufstehen, Mittagessen und Nachtruhe an. Durch einen Wochenplan mit Tages- und Stundeneinteilung wurde genau der Ablauf im Fischhaus festgelegt. So wurden von Montag bis Sonnabend von 8 bis 11 Uhr und 17 bis 19 Uhr verschiedene Fächer unterrichtet. In der Zeit von 13 bis 16 Uhr wurde gearbeitet. Zunächst pflegte man den Garten, später wurde der dazu erworbene Acker bestellt und das inzwischen angeschaffte Vieh, Kühe und Schweine, versorgt. Mit dem Ertrag gelang es, sich weitgehend selbst zu verpflegen. Am Sonntag stand vor allem der Kirchbesuch in dem Vordergrund, denn Sinn des Stifters war es „…die verwahrlosten Knaben auf Grund des christlichen bzw. evangelisch-lutherischen Glaubensbekenntnisses zu frommen und braven Menschen zu erziehen …“

Bis 1868 wurden nur Knaben von 6 bis 12 Jahren  aufgenommen. Erst mit einem neuen Gebäude kam eine Mädchenabteilung hinzu.

Das Rettungshaus sorgte nur bis zum 14. Lebensjahr für die Kinder. Dann gingen sie, fast ohne Mittel und ohne Rückhalt einer Familie in die Lehre. Das Rettungshaus bemühte sich, immer Lehrherren zu finden, die die Kinder ohne Lehr- und Kostgeld und ohne Zuzahlung zur Bekleidung aufnahmen. Oftmals musste durch das Rettungshaus mit Geldmitteln nachgeholfen werden. Deshalb hoffte man auf viele Spenden, um den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen.

Zu jeder Zeit bekam das Haus auch Unterstützung von außen. Vor allem der Herzog bewilligte immer wieder Zuschüsse aus Staatsmitteln. Aber auch Dörfer und Bezirke führten Sammlungen und Lotterien durch, dessen Erlös dem Rettungshaus zugutekam. An der Vielzahl der Spenden konnte man erkennen, dass auch die Bevölkerung bestrebt war, so gut es ging zu helfen.

Das „Rettungshaus zum Fischhaus“ hielt es für notwendig, sich wegen der größeren Anzahl an Pfleglingen, aber auch wegen der Erweiterung des Landbesitzes und des Viehbestandes, weitere Gehilfen einzustellen.

So trat am 30. Oktober 1862 Johannes Saal, Schneidermeister aus Kaltenlengsfeld, in den Dienst des Rettungshauses. Im damaligen Bericht über Personalveränderungen heißt es: „Eine derartige Wirksamkeit war demselben längst der stille Wunsch seines Herzens gewesen, und er arbeitet nun mit uns in friedlicher Gemeinschaft.“

Johannes Saal ging 1865 in das „Blödenheim“ zu Neuendettelsau, um sich Kenntnisse in der Krankenpflege anzueignen. Danach diente er in der Irrenanstalt zu Hildburghausen und kehrte erst 1872 in seine Wohnung im „Rettungshaus zum Fischhaus“ zurück.

Johannes Saal

Während seiner Abwesenheit hatte man 1868 neben dem Rettungshaus das „Neue Haus“ gebaut und mit einer Mädchenabteilung belegt. Nach der Verlegung der Mädchenabteilung wurde das „Neue Haus“ zum Kauf angeboten.

Johannes Saal hatte inzwischen einige schwachsinnige Kinder in seine eigene Wohnung aufgenommen. Da die Platzverhältnisse aber für die Unterbringung und Versorgung völlig unzureichend waren, kam das „Neue Haus“ gerade recht.

Johannes Saal gründete so am 27. Mai des Jahres 1873 im „Neuen Haus“ das „Mathildenstift“, eine „Privat-Blödenanstalt“. Mit seiner Frau Mathilde betreute er hier die ihm anvertrauten Pfleglinge. „Der Gründer hatte zur Zeit nur 9 Kreuzer eigenes Kapital, also nicht ganz 30 Pfennige im Besitz, aber er besaß viel Glauben und Liebe. Somit war er ein reicher Mann.“ (Gedenkblatt „Botschafter des Friedens“ 1923).

Zehn Jahre bestanden die beiden Anstalten „Das Rettungshaus zum Fischhaus“ und „Mathildenstift“ in treuer nachbarlicher Beziehung. Dann wurden die Räumlichkeiten im „Mathildenstift“ zu eng, um allen Aufnahmegesuchen entsprechen zu können.

Der Bruder des Gründers, Daniel Saal, der selbst als treuer Gehilfe von 1865 bis 1877 im „Rettungshaus zum Fischhaus“ tätig war, entdeckte mit Dr. Emil Dönges, einem Freund und Berater des Gründers, zwei leer stehende Häuser in Aue bei Schmalkalden. Es war eine Malzfabrik, die zum Kauf angeboten wurde. Am 24. August 1883 schloss Johannes Saal mit dem Besitzer Carl Utendörffer den Kaufvertrag ab. Der Kaufvertrag von 8500 Mark war für die damaligen Verhältnisse ein Wagnis, das Johannes Saal nur im Vertrauen auf Gott eingehen konnte. Doch schon nach drei Jahren war der Preis voll bezahlt.

So siedelte Johannes Saal im Herbst 1883 mit 20 Zöglingen nach Aue bei Schmalkalden über.

In einer Einlage im Turmkopf der Kirche zu Hermannsfeld ist hierüber Folgendes niedergeschrieben: „… auch wurde der Raum zu eng und so übersiedelte Saal nach Aue bei Schmalkalden, wo er eine leerstehende Malzfabrik kaufte. Dort hat sich nun im Laufe der Jahre eine blühende Anstalt entwickelt.“

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