Wie überall in der Nachkriegszeit äußerster Mangel an lebensnotwendigen Gütern herrschte, fehlte es auch in der Pflegeanstalt an erforderlichen Lebensmitteln und Materialien.
Das Obst und Gemüse aus den kleinen Gärten wurde genutzt und in den umliegenden Wäldern große Mengen an Beeren und Pilzen gesammelt. Knochen kochte man zweimal, die Marmelade wurde mit Wasser verdünnt und selbst das Butterbrotpapier wurde ausgekocht. Wer Geburtstag hatte, durfte sich als einziger in der ganzen Anstalt über einen Kartoffelpuffer freuen.
Dazu kam noch, dass die Weiterführung des Anstaltsbetriebes wegen Personalmangels in Frage gestellt war. Deshalb wurde bereits 1944 eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Diakonissenhaus „Bethel“, Berlin-Dahlem, gebildet. Durch diese Verbindung konnten bereits kurze Zeit später Bethel-Diakonissen in der Anstalt den Dienst unterstützen.
Verschiedene Einzelschicksale verbergen sich hinter den in den Nachkriegsjahren durchgeführten Aufnahmen. 1952 wurden in der Anstalt 145 Kranke und Schwache betreut.
Etwa 1860
Der Ankauf einer kleinen Gärtnerei im Jahr 1955 stellte nicht nur ein weiteres Betätigungsfeld für die „Pfleglinge“ dar, sondern machte auch Einnahmen durch den Verkauf von Blumen, Gemüse und Kranzgebinden möglich.
Anstaltsgärtnerei
Als diakonische Einrichtung in einem sozialistischen Staat war die Anstalt ein Ort, der weitgehend von den politischen Angelegenheiten abgeschirmt war. Hier war nichts zu spüren oder zu hören von Parteiparolen, sozialistischen Wettbewerben und Agitationen. Ohne Bedenken war es möglich, vom Glauben zu reden. Gottesdienste zu halten, zu beten und zu singen.
Die Mitarbeiterschaft setzte sich fast ausschließlich aus bewusst gläubigen Christen zusammen, die aus den Gemeinden des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden kamen. Vor allem junge Christen nutzten die Gelegenheit, ein „Jahr für Gott“ als Zeichen ihrer Dankbarkeit Gott gegenüber in der Pflegeanstalt zu leisten. Die Freistellung von der Arbeitsstelle für diese Zeit war in der Regel unproblematisch. Doch oft blieben sie länger als ein Jahr und fanden hier ihren Ehepartner. Mancher blieb ledig und erkannte in dem Dienst seinen persönlich von Gott gegebenen Lebensauftrag. Zu einem diakonischen Einsatz kamen Absolventen vor dem theologischen Seminar in Buckow und aus der Bibelschule in Burgstädt. Aber auch Jugendgruppen aus den Bundesgemeinden meldeten sich zu Wochenendeinsätzen. Jeweils am Samstag war gemeinsamer Arbeitseinsatz und am Sonntag Gottesdienst und Freizeit.
Trotz dieser Freiheit, in der Anstalt wie in einer großen christlichen Familie leben und arbeiten zu können, musste der Dienst doch in einem sehr eng gesteckten Rahmen getan werden.
So führte die grundsätzliche Einstellung, nur gläubige Mitarbeiter zu beschäftigen, zu zwei Problemen. Zum einen musste der Dienst in ständiger Unterbesetzung getan werden. Dies stellte nicht nur eine besondere Belastung der Mitarbeiter dar, auch der individuellen Betreuung der Bewohner waren damit Grenzen gesetzt. Zudem reichte die normale Arbeitszeit niemals aus, alle Aufgaben zu erledigen. Die Arbeiten in dem großen Gemüsegarten zu. B. oder die Pflege des eigenen Friedhofes waren Dinge, die grundsätzlich in der Freizeit erledigt wurden. Ein weiteres Problem stellte die allgemeine Wohnungsknappheit in der DDR dar. Die Beschaffung von Wohnraum für die Mitarbeiter, die aus verschiedenen Gemeinden des Bundes nach Schmalkalden kamen, war deshalb ein „Dauerbrenner“ in den Vorstandssitzungen. Dies erklärt, weshalb der Neubau von Wohnraum für Mitarbeiter stets als vordergründiges Anliegen angesehen und, sobald es möglich war, auch realisiert wurden.
Der eng gesteckte Rahmen bezieht sich aber auch auf die sehr niedrigen Pflegesätze, die erst in den letzten Jahren der DDR-Epoche zur Deckung der notwendigsten Ausgaben auskömmlich waren. Viele Christen in den Bundesgemeinden Ost hatten es deshalb als ihre besondere Aufgabe angesehen, die „Anstalt in Aue“ finanziell zu unterstützen. Aber auch Christen aus den Gemeinden West waren sehr erfinderisch. Sie suchten Möglichkeiten und durchstanden Ängste, wenn es darum ging, einen Wasserhahn, Velux-Fenster oder bruchsicheres Geschirr über die innerdeutsche Grenze zu bringen.
Die Verbesserung der Wohnverhältnisse für die Bewohner war in dieser Zeit fast aussichtlos. Ein bereits 1951 geplanter Erweiterungsbau hätte Platz schaffen können. Außerdem sollte in diesem Gebäude ein Versammlungsraum entstehen. Als endlich 1957 die Baugenehmigung vorlag, wurde am 08.04.2958 mit der Aushebung der Baugrube begonnen. Unter großen Schwierigkeiten beschaffte man 10 000 Ziegel und 13 LKW mit Kies. Doch bereits drei Monate später besichtigte der damalige Kreisbaudirektor die Baustelle und sprach einen Baustopp aus dem der Begründung, dass die der Volkswirtschaft dienenden Bauvorhaben den Vorrang hätten. So musste die Baugrube wieder gefüllt werden.
In der Folgezeit konnten nur schrittweise kleine, aber für den Anstaltsbetrieb wichtige bauliche Verbesserungen durchgeführt werden. Als Ersatz für den nicht zustande gekommenen Neubau wurde 1964 eine Baracke aus Holz aufgestellt. Diese Baracke blieb über 24 Jahre Gottesdienstraum für Bewohner und Mitarbeiter.
Auch ein kleines Waschhaus, ein Wohnhaus für Mitarbeiter und ein Wohnhaus für 12 Bewohner wurde im Verlauf der Jahre errichtet. Erst 1982 erteilte man die Genehmigung zum Abriss und Neubau eines Teils des Hauptgebäudes. Auch auf dem „Röthof“ konnte in diesem Jahr mit dem Bau eines Wohnhauses für Mitarbeiter begonnen werden. 1987 gelang es, die Baugenehmigung einer neuen Kapelle und eines weiteren Wohnhauses für Mitarbeiter zu erhalten und mit dem Bau zu beginnen. Durch die nur im geringen Umfang möglichen Baumaßnahmen ist es nicht verwunderlich, dass noch 1989 jedem Bewohner nur 5,5 m2 Wohnraum zur Verfügung standen (Richtlinie 12,0 m2!)
Gottesdienstbaracke
Schlafraum
Ein weiteres Problem stellte die Beheizung der einzelnen Häuser dar. Die gesamte Pflegeanstalt wurde zum Zeitpunkt der politischen Wende in Deutschland von etwa 60 Kachelöfen mit Holz und Kohle beheizt. Über 100 Meter Ofenrohr durchzogen die einzelnen Räume. Neben dem anfallenden Arbeitsaufwand und Schmutz lagen darin natürlich im Blick auf den Brandschutz in einer Einrichtung für Behinderte große Gefahren.
Die Mitarbeiter hinderten aber diese Verhältnisse nicht daran, den nur in geringem Maß zur Verfügung stehenden Wohnraum für die Bewohner so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Trotzdem war es nicht zu vermeiden, dass für jeden Bewohner oft nur ein bescheidenes Plätzchen blieb, um hier persönliche Dinge aufzubewahren.
Innerhalb der Anstalt gab es für die Bewohner viele Möglichkeiten zur sinnvollen Beschäftigung. Da war das Landwirtschaftsgut „Röthof“ und die „Anstaltsgärtnerei“, aber auch in den Obst- und Gemüsegärten, in der Küche, in der Wäscherei oder im Haushalt, überall traf man auf fleißige, mithelfende Bewohner. Wer dazu nicht in der Lage war, konnte unter fachlicher Anleitung in der Arbeitstherapie basteln, malen oder kunstgewerbliche Dinge fertigen. So manches Kunstwerk eigener Art ist hier entstanden.
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